Was bedeutet Explizites Denken?
Wir Menschen, die wir in hoch entwickelten Ländern leben dürfen, haben mittlerweile einen hohen Bildungsstand erreicht, und profitieren vom Umstand, dass die Menschheit seit Jahrtausenden bestrebt ist, den Verstand zu schärfen, um sich mit den so gewonnenen Erkenntnissen weiterzubringen. Zudem stehen uns mit den diversen Mitteln der Kommunikation enorme Möglichkeiten zur Verfügung, das stetig wachsende Wissen jederzeit und überall ‚anzuzapfen’. Das Problem dabei ist, dass ein überaus grosser Teil davon oberflächlich bleibt, weil wir es bloss zur Kenntnis nehmen, ohne uns damit vertieft auseinanderzusetzen und es in Bezug zu uns selbst und unserem Dasein zu setzen. Wir nehmen uns in der Regel nicht die Mühe wirklich zu verstehen, sondern lassen Vieles als selbstverständlich, also implizit, in unseren Gedanken mitlaufen. Der deutsche Philosoph Peter Sloterdijk nennt dies Implizites Denken. Allerdings wäre es von Vorteil, wenn wir uns häufiger ein Explizites Denken angewöhnen würden: Explizites Denken bedeutet, ‚nur dunkel Mitgewusstes’ in ‚ausdrücklich Gewusstes‘ umzuwandeln. Somit lässt sich auch das Verständnis unseres Lebens erweitern, und zwar in dem Sinne, dass wir – mit den Worten Sloterdijks – die Brücke zwischen Kultur – gemeint ist damit alles, was unser alltägliches Leben im weitesten Sinn ausmacht – und der Natur (deren Teil wir sind) begehen. Das heisst, wir erweitern das Fundament unseres Denkens und Handels, indem wir die natürlichen Grundlagen unseres Lebens immer wieder vor Augen führen. Wir machen uns somit die Tatsache zunutze, dass sich das diesbezügliche Wissen in Bezug auf unser Dasein gerade in den letzten Jahrzehnten rasant verbessert hat.
Was bedeutet Explizites Denken?
Wer könnte sich vom Konzept des Expliziten Denkens (ED) angesprochen fühlen und davon profitieren?
Was uns seelisch gesund erhält
Bezüglich der Frage, wie wir unsere psychische Gesundheit bewahren bzw. steigern können, ist insbesondere das bekannte Salutogenese-Konzept des Medizinsoziologen Aaron Antonowsky von massgeblicher Bedeutung. Dieses besagt, dass es von Nutzen ist, wenn wir ein möglichst umfassendes Verständnis dafür haben, was eigentlich abgeht im eigenen Leben und wie es mit allem zusammenhängt (Verstehbarkeit). Erwiesenermassen ist es für unser Seelenheil auch wertvoll, einen Sinn in unserem Leben zu sehen, und uns auf eine Weise betätigen zu können, die uns bedeutungsvoll erscheint (Sinnhaftigkeit). Und schliesslich ist es vorteilhaft, über eine geeignete ‚Strategie‘ im Umgang mit den alltäglichen Herausforderungen zu verfügen (Handhabbarkeit).
Explizites Denken ermöglicht es, diese drei Komponenten positiv zu beeinflussen, indem wir eine zusätzliche Perspektive erlangen, die uns das Wunder des Daseins immer wieder auf umfassende Art erkennen lässt. Somit bereichern wir das eigene Leben und finden zu einer Verbundenheitserfahrung mit der Welt, die es möglich macht, uns selbst und unsere Umgebung besinnlich und mit Dankbarkeit zu erleben. Als Folge davon gewinnen wir an Zuversicht und erfahren eine Freude darüber, ein Mensch zu sein. Zudem stärken wir unsere psychische Abwehrkraft, indem wir bei Bedarf Distanz gewinnen zu einem hektischen Alltag, der einem überfordern und frustrieren kann.
Gleichzeitig finden wir zu einer Entschleunigung, die uns gut tut, und uns Ballast abwerfen lässt. Denn wenn wir erleben, wie wertvoll unser Leben genau genommen ist, finden wir zu einer Zufriedenheit, die langfristig wirkt und nur in beschränktem Mass mit materiellen Gütern zusammenhängt. Äussere Bedürfnisse wie der Drang nach Besitz, Ruhm, Status oder Prestige werden in unsere Gesellschaft bekanntermassen deutlich überschätzt, innere Bedürfnisse wie menschliche Beziehungen (Liebe, Zuneigung) oder die Autonomie, also die Möglichkeit von eigenständigem Denken und Handeln (selbst entscheiden zu können) unterschätzt. Aus der Perspektive, die uns Explizites Denken eröffnet, lässt sich also auch ein Lebensstil ableiten, der sich auch positiv auf unsere Umwelt und das Klima auswirkt.
Autor
Dr.med. Urs Hinnen, MPH, Facharzt Arbeitsmedizin und Prävention / Gesundheitswesen. Langjährige Erfahrung als Arbeitsarzt und Präventivmediziner, insbesondere bei der Beratung von Personen mit psychosozialen Problemen am Arbeitsplatz. Engagement in verschiedenen Fachgremien zum Thema Psychische Gesundheit in der Arbeitswelt. Fachvorträge und Publikationen in Fachzeitschriften für Personalverantwortliche, Gesundheitsschutzbeauftragte und Psychologen zu Themen wie Suchtprävention, Gesundheitsförderung sowie Früherkennung und Prävention von Burn-out.
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