Was bedeutet Explizites Denken?
Wir Menschen, die wir in hoch entwickelten Ländern leben dürfen, haben mittlerweile einen hohen Bildungsstand erreicht, und profitieren vom Umstand, dass die Menschheit seit Jahrtausenden bestrebt ist, den Verstand zu schärfen, um sich mit den so gewonnenen Erkenntnissen weiterzubringen. Zudem stehen uns mit den diversen Mitteln der Kommunikation enorme Möglichkeiten zur Verfügung, das stetig wachsende Wissen jederzeit und überall ‚anzuzapfen’. Das Problem dabei ist, dass ein überaus grosser Teil davon oberflächlich bleibt, weil wir es bloss zur Kenntnis nehmen, ohne uns damit vertieft auseinanderzusetzen und es in Bezug zu uns selbst und unserem Dasein zu setzen. Wir nehmen uns in der Regel nicht die Mühe wirklich zu verstehen, sondern lassen Vieles als selbstverständlich, also implizit, in unseren Gedanken mitlaufen. Der deutsche Philosoph Peter Sloterdijk nennt dies Implizites Denken. Allerdings wäre es von Vorteil, wenn wir uns häufiger ein Explizites Denken angewöhnen würden: Explizites Denken bedeutet, ‚nur dunkel Mitgewusstes’ in ‚ausdrücklich Gewusstes‘ umzuwandeln. Somit lässt sich auch das Verständnis unseres Lebens erweitern, und zwar in dem Sinne, dass wir – mit den Worten Sloterdijks – die Brücke zwischen Kultur – gemeint ist damit alles, was unser alltägliches Leben im weitesten Sinn ausmacht – und der Natur (deren Teil wir sind) begehen. Das heisst, wir erweitern das Fundament unseres Denkens und Handels, indem wir die natürlichen Grundlagen unseres Lebens immer wieder vor Augen führen. Wir machen uns somit die Tatsache zunutze, dass sich das diesbezügliche Wissen in Bezug auf unser Dasein gerade in den letzten Jahrzehnten rasant verbessert hat.
Salutogenese
Explizites Denken unterstützt die Salutogenese (Entstehung von Gesundheit)
(Psychische) Gesundheit bedeutet, dass man sich geistig-seelisch gut fühlt und in Bezug auf das eigene Leben zuversichtlich ist. Es bedeutet auch, dass man in der Lage ist, mit Stress, Ärger, Sorgen und Trauer in einer Weise umzugehen, ohne deswegen (längerfristig) aus dem seelischen Gleichgewicht zu geraten.
Jeder vierte Mensch erkrankt mindestens einmal in seinem Leben an einer psychischen Störung. Das heisst, dass eine grosse Anzahl von Personen erfahren hat, was es bedeutet, mit unkontrollierbaren Angstzuständen, in einem Zustand permanenter Anspannung oder einem unbeherrschbaren Stimmungstief leben zu müssen. Immerhin zeigt sich nach überstandener Krise oftmals, dass die Auseinandersetzung mit solch belastenden Gefühlszuständen auch neue Perspektiven eröffnet, die einem das Leben in einem anderen Licht erscheinen lässt. Betroffene beginnen sich grundsätzliche Gedanken zum Sinn und Zweck des eigenen Daseins zu machen und versuchen so für sich ein tragendes geistiges Fundament zu erschaffen.
Um sich bei seelischen Belastungen, die mit Stress, Leistungsdruck oder Konflikten einhergehen und gerade in Zeiten der Pandemie gehäuft auftreten, gegen die Entstehung einer psychischen Erkrankung zu wappnen kann die Anwendung des expliziten Denkens nützlich sein. Denn damit geht eine Stärkung des Kohärenzgefühls (Sense of coherence) einher. Dieses steht für die Empfindung von uns Menschen, ein sinnhaftes, wirksames und erfülltes Leben zu führen. Es ist auch Ausdruck dafür, wie gut wir uns im Leben zurechtfinden und ist Teil des sogenannten Salutogenese-Konzepts. Diese wurde vom amerikanischen Soziologen Aaron Antonowsky in den 1960er und 1970iger Jahren auf der Basis seiner persönlichen und spezifischen Lebenserfahrungen entwickelt. Er fragte sich: Welche Schutz-Faktoren sind dafür verantwortlich, dass wir trotz belastenden, ja krankmachenden Umständen gesund bleiben? Er hat sich also weniger darauf konzentriert, welche Einflüsse eine Krankheit auslösen, als sich vielmehr dem Umstand zugewandt, dass bei gleicher ‚Bedrohungslage’ die einen krank werden, die anderen aber gesund bleiben. Diesen Ansatz nannte er Salutogenese, im Gegensatz zu dem in der Medizin üblichen Konzept der Pathogenese, hinter welcher die Frage steht, welche Faktoren eine Krankheit auslösen. Im Zentrum seiner Arbeiten stand der Befund, dass bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein müssen, damit Krankheit und beeinträchtigtes Wohlbefinden ferngehalten werden. Das Kohärenzgefühl ist vor allem in Bezug auf die psychische Gesundheit von Bedeutung, denn es hat sich gezeigt, dass ein schlechtes Kohärenzgefühl sich in erster Linie negativ auf die Psyche auswirkt und die Anfälligkeit für psychische Krankheiten wie z.B. Angstgefühle oder Depression erhöht.
Suffizienz
Explizites Denken animiert zu nachhaltigem Konsum (Suffizienz)
Wenn wir uns bewusst werden, was wirklich glücklich macht, finden wir zu einer neuen Einstellung zu unseren Konsumgewohnheiten und stellen dabei fest, dass häufig weniger mehr ist. Mit einem veränderten Lebensmuster finden wir zu einer Entschleunigung, die uns gut tut, und wir können Ballast abwerfen. Bastien Girod hat in seinem wegweisenden Buch ‚Green Chance. Strategien zur Glücksmaximierung’ dargelegt, dass Glück sowohl im Sinne einer langfristig angelegten allgemeinen Zufriedenheit mit der eigenen Existenz als auch momentan empfundenen Glücks, das von den unmittelbaren Umständen abhängt, nur in beschränktem Mass mit materiellen Gütern zusammenhängt. Tatsache ist, dass beim Kauf z.B. eines neuen Autos, Fernsehers oder Handys die anfängliche Freude rasch verpufft und sich eine Gewöhnung bemerkbar macht. Zudem zeigt sich: Äussere Bedürfnisse wie der Drang nach Besitz, Ruhm, Status oder Prestige werden überschätzt, innere Bedürfnisse wie menschliche Beziehungen (Liebe, Zuneigung) oder die Autonomie, also die Möglichkeit von eigenständigem Denken und Handeln (selbst entscheiden zu können) unterschätzt. Zudem wird erkennbar, dass solche Menschen glücklicher sind, die ethische Werte und Ideale befolgen, sei es z.B. im Rahmen einer Religion oder auch beim Beherzigen von Empfehlungen zu Umwelt- und Klimaschutz.
Explizites Denken erweitert die Wahrnehmung des Lebens in einem umfassenden Sinn und fördert somit das Verständnis für die Notwendigkeit von Massnahmen zum Schutz der natürlichen Umwelt (Biodiversität) und zur Eindämmung der Klimaerwärmung. Damit alle auf unserem Planeten in Zukunft ein gutes Leben führen können reichen technische Massnahmen nicht aus. Es braucht eine Selbstbegrenzung und Entschleunigung sowie ‚das richtige Mass an Konsum’, was auch Konsumverzicht bedeutet. Dank expliziten Denkens wird die Umsetzung solcher Forderungen nach einer umweltverträglichen, ressourcenschonenden Existenz nicht zu einer Horrorvision, sondern zu einem persönlichen Bedürfnis, das auch mit einem Glücksgewinn verbunden sein kann.
Autor
Dr.med. Urs Hinnen, MPH, Facharzt Arbeitsmedizin und Prävention / Gesundheitswesen. Langjährige Erfahrung als Arbeitsarzt und Präventivmediziner, insbesondere bei der Beratung von Personen mit psychosozialen Problemen am Arbeitsplatz. Engagement in verschiedenen Fachgremien zum Thema Psychische Gesundheit in der Arbeitswelt. Fachvorträge und Publikationen in Fachzeitschriften für Personalverantwortliche, Gesundheitsschutzbeauftragte und Psychologen zu Themen wie Suchtprävention, Gesundheitsförderung sowie Früherkennung und Prävention von Burn-out.
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